Islamisierung und Nordafrika

01.10.2016 23:26

 

Ich erlebe hier in Deutschland auf meiner Reise zur Zeit eine große Polarisierung. Ein Beitrag zum Verstehen und zum guten Reagieren können echte wissenschaftliche Arbeiten sein, die Fakten und redliche Analysen liefern.

Es stimmt, dass Moslems mitunter einen großen Glaubenseifer zeigen. Da liegt der Gedanke nahe, dass da auch ein großer missionarischer Wille und eine große missionarische Kraft dahinter steckt. Sie sind ja auch nicht durch die Gehirnwäsche der Aufklärung gegangen, wo alles Göttliche und Gottgegebene in Frage gestellt wird und das menschliche Gehirn zum einzigen Maßstab der Dinge gemacht wird. Da kann man schon Angst bekommen vor solcher Glaubensüberzeugung. Unser Glaube als Christen ist geschwächt. Vielleicht beneiden wir Moslems auch ein wenig. Auf jeden Fall haben wir Angst vor starken Glauben. Denn irgendwie wissen wir noch, dass Glaube Berge versetzt.

Glaube schlägt sich natürlich auch in politischen Überzeugungen nieder. Besonders bei den Moslems denn auch ihre Politik ist nicht so sehr durch die Aufklärung geprägt, die den Menschen und sein Denken zum alleinigen Maßstab des Handelns macht. Und so braucht dort Politik auch nicht unbedingt "vernünftig" zu sein, sondern glaubensstark und kraftvoll. Das ist ein ganz andere Ansatz. Aber wir kennen das im Abendland ja auch, dass ein Staat auf Religion aufgebaut werden muss. Dass man sich nicht vorstellen kann, dass eine große Zahl von Leuten einer anderen Religion im eigenen Staat leben. Der Kommunismus war einer der letzten Produkte dieser Sichtweise.

Aber ist es denn wirklich so, das Moslems immer und überall auf die Islamisierung des ganzen Staates aus waren. Mit ihrem Koran und ihrer Urgeschichte könnten sie schlechte Karten haben, wenn sie eine offenere und unpolitischere Art des Glaubens und eine Tolerante Gesellschaft suchen.

Aber dann macht mich stutzig, dass in Ägypen und Iran Millionen von Christen seit mehr als 1000 Jahren leben. Die Jizya-Steuer scheint doch nicht so hoch gewesen zu sein, zumal kein Zakat oder Sadaqa bezahlt werden musste, was wahrscheinlich auch sehr hoch war. Man sagt, es gab auch immer Christen in der Regierung islamischer Staaten bis hin zum bekannten Minister Tariq Aziz von Saddam Hussein, der wie sein Chef sicher kein unbedingt nobler Mensch war, über den sich aber viele wunderten. In Spanien im 16. Jh. gab es sicher keinen Moslem in der Regierung.

Das Beispiel Nordafrika, vor allem Algerien und Tunesien lässt mich nicht in Ruhe. Wenn man näher hinsieht, stellt man fest, dass Nordafrika nach dem Tod Augustinus 120 Jahre arianisch war. Und als dann Kaiser Justinian endlich das Gebiet 533 zurück eroberte, -waren die Auseinandersetzungen zwischen Römern, Katholiken, Vandalen, Arianern und Berbern lange nicht beendet. Man wechselte die Religion auch aus politischen Gründen, ohne Zwang. Tatsächlich haben wir heute dort eine ziemlich homogene religiöse Landschaft. Aber dieses Resultat ist Folge einer langen Geschichte. In Nordafrika war es vor allem eine spannungsreiche Geschichte von Kriegen, in dessen Verlauf sich wahrscheinlich dann die Religion des Stärkeren durchsetzte.

In Spanien ging die Rechristianisierung wahrscheinlich schneller. Ob es notwendig war Spanien unter Karl den V. und Philipp II. total von Moslems und Juden zu säubern, darüber lässt sich streiten. Ich möchte die Frage offen lassen, ob es sich damals um unbegründete Islamophobie oder politischen Realismus handelt. Mit 500 Jahren geschichtlichen Abstand und im ideologischen Kreuzfeuer des 21. Jahrhunderts, kann man das schlecht entscheiden. Wir lernen hier nur, dass Christen auch gründlich sein konnten. So gründlich, wie Moslems vielleicht nie waren, wenn man mal von den saudischen Wahabitten absieht.

Das Wort „Re“-Christianisierung ist nämlich verräterisch: Es setzt voraus, dass es im moslemischen Andalusien nach 700 Jahren noch viele Christen gab, oder jedenfalls Menschen, die auf eine Christianisierung warteten. Das alles würd auch wieder die These widerlegen, dass der Islam alles platt walzt.

Was mich stutzig macht, ist ja auch der Fakt, dass es i1mmer und auch zur Zeit viele Staaten mit großer moslemischer Mehrheit gibt, die keinen Gedanken an ein islamistisches Regime zu verschwenden scheinen. Vor allem in Afrika kann man das sehen. Leopold Senghor war 20 Jahre Präsident von Senegal. Erst neulich wurde Roch Marc Kabouré zum Präsidenten von Burkina Faso gewählt. Der Name sagt schon, dass er Christ ist. In Wikipedia liest man: Burkina Faso 60 % Moslems, 23 % Christen. Kardinal Robert Sara, der bei vielen als christlich-katholischer Hardliner gilt verblüfft durch seine Aussagen zum Islam in seinem Heimatland Guinea: „Die Moslems sind in der Überzahl, aber sie respektieren die Christen. (Sie sind) eine friedliche und brüderliche Religion. ..Wir stimulieren uns gegenseitig in der Treue zum Gebet, zur Wahrheit und zur Tiefe unserer religiösen Praktik.“ (´Gott oder nichts´ S. 112)

Welches Modell wird in Deutschland greifen? In Deutschland leben ja auch Christen und Moslems zusammen. Wird hier Nordafrika sein? Oder eher Burkina Faso? Oder Togo, was ja auch vielleicht 20 % Moslems hat – ohne Probleme. Ich weiß es nicht.

Im Verlauf der Geschichte kennen wir beides, Zeiten der Uniformierung der Gesellschaft, Zeiten, wo man in einer großen Einheitskultur lebt, die eifersüchtig gehütet und verteidigt wird, als auch Zeiten, wo Menschen verschiedener Prägungen, Kulturen und Religionen versuchen miteinander zu leben. Zeiten der Integration und Zeiten der Polarisierung. Wenn man sich die derzeitigen politischen Kämpfe, und Verteufelungen in Deutschland ansieht, dann hat man den Eindruck, dass die Menschen schon längst auf zwei verschiedenen Dampfern fahren, das der Spalt gar nicht so sehr von Sprache und Religion bestimmt ist sondern von Meinung. Aber das müsste man auch noch einmal genau untersuchen.

Ich kann übrigens beides Verstehen. Ich kann bloß nicht verstehen, warum sich beide Seiten immer so sicher sind, dass ihre Vision ihr Szenario, ihre Zukunftsprognose richtig ist. Und warum man den Eindruck erwecken muss, dass er das Gegenteil des anderen will und tut. Ich glaube, das nennte man politische Profilierungssucht. Die Probleme sind doch irgendwie immer gleich: Hilfe von Notleidenden, Integration, Versöhnung der Gegensätze, innerer Frieden. Ich freue mich über Menschen, die sich damit beschäftigen ohne Angst, ohne Naivität, mit Realismus und Engagement.

Ich konnte einige davon auf meiner Deutschlandreise begegnen. Vielleicht ist das dann doch etwas, was man Made in Germany nennen kann, und worauf wir stolz sein können: Nicht so sehr das Diskutieren, sondern das Arbeiten.