Flüchtlingsdrama

22.09.2015 21:25

Einige haben mir von dem Flüchtlingsdrama geschrieben, was sich gerade in Europa und vor allem Deutschland abspielt. Ich fühlte mich annimiert, ein paar Gedanken dazu zu formulieren. Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht immer in konventioneller Weise denke, sondern immer öfter in afrikanischer...

Ich fange einfach mal an, als ich neulich in unserem Nachbarpfarrer Pater Pierre in Pagouda halt machte. Da lief gerade der Fernseher. Massen von Flüchtlingen an der österreichischen Grenze wanderten über den Bildschirm. "C'est serieux", meinte Vikar Samson der im Vorbeigehen hinschaute "Hier wird's ernst". Händeringende Politiker wurden gezeigt und auch die Stimme des Papstes ertönte: "Nehmt sie auf! Jede Pfarrei eine Familie!" Mein Freund Pierre begann zu überlegen: Naja, Platz haben wir ja nicht viel. Aber zu Essen könnten wir ihnen geben. Der Mais wird bald geerntet und einige haben schon neue Yamswurzeln ausgegraben.
Togo ist eigentlich ein kleines ruhiges Land. Ich versuche mir vorzustellen, wie das sein könnte, wenn sie auch zu uns strömen würden, wenn die Pfarreien überfüllt werden mit Syrern und Eritreern und anderen gehetzen, traumatisierten Menschen. Aber wahrscheinlich wird es nicht soweit kommen. In Togo habe ich eigentlich noch keinen einzigen Flüchtling gesehen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Viele Menschen verlassen das Land. Jedes Jahr verliere ich zig Jugendliche, auf der Suche nach dem Glück ihres Lebens. Ihr Ziel ist nur selten Deutschland oder Frankreich, eher Benin, Nigeria oder Elfenbeinküste, dort wo man Arbeit findet, wo gezahlt wird, wo man nicht für jede Anstellung jemanden kennen muss, der in irgendeinem Ministerium sitzt.
Neulich wollte ich nochmal das Lied von Gerhard Schöne hören: "Hast du das Signal vernommen, kleines Wesen sei willkommen..." Es handelt von der Geburt eines Kindes. Das Bild einer Landung auf unserem Planeten Erde wird verwendet. Wo wirst du landen? Wird man dich auf Händen tragen oder in einen Pappkarton legen? Ich dachte an all die Kinder, die hier in meiner Pfarrei, in Solla, dem Buschdorf weitab von Elektrizität, festen Straßen, ausreichender medizinischer Versorgung und Chancengleichheit geboren werden. Ich kämpfte tatsächlich mit den Tränen. Es scheint immer noch so zu sein in unserer Welt, dass man bei der Geburt aufpassen muss, wo man landet. Und ich glaube, deswegen wird es auch immer Flüchtlinge geben, die sich mit diesem Schicksal nicht abfinden wollen und ihren Aufenthaltsort selber wählen.
Es ist seltsam, nicht einmal die als Gottesmänner verkleideten Banditen von Boko Haram scheinen Flüchtlinge zu produzieren, die sich für Togo interessieren. Ist das ein gutes Zeichen? Es ist eigentlich schade, den wir hätten sicher etwas für sie getan. Das wäre doch mal was, wenn wir die großzügigen Gastgeber spielen könnten, die von ihrem Überfluss abgeben und nicht immer die schüchternen Bittsteller.
In den Nachrichten hörte ich auch von den Befürchtungen, dass viele Flüchtlinge, aus Syrien z.B. Moslems sind. Manche wollen nur Christen aufnehmen. Ich glaube, mit Moslems oder moslemischen Flüchtlingen hätten wir nicht so viele Probleme. In jedem größeren Ort stehen hier ja eh schon mindestens 10 Moscheen. Selbst in Solla weckt um 5 Uhr morgens der Muezzin die Leute im Schlaf, so dass sie verpflichte sind, die Hacke zu nehmen und aufs Feld zu gehen, wenn sie nicht die Frühmesse besuchen wollen. Man kann mit sowas leben. Ich sage das ohne Spott. Überfremdung? Wieso eigentlich? Jeder hat doch seinen Glauben. Angst, das am Ende alle Moslems sind? Manche Männer schein wegen der Polygamie Moslem zu werden und einige junge Mädchen scheinen einen Moslem geheirate zu haben, der eindeutig wegen materieller Werte begehrt wurde. Neulich erst musste ich lachen, als Catharine, eine ziemlich alberne katholische Jugendliche aus Solla die ich lange nicht gesehen hatte plötzlich mit einem hübschen, weißen, bis an die Knie herunterhängenden Schleier ankam. Ich sagte: "Katharina, jetzt übertreibst du aber." Sie antwortet: "Ich bin immer noch Christin, mein Mann verlangt nur, dass ich so rumlaufe." Ich machte sofort ein Foto und beließ sie in ihrem Glauben. Nein, Identitätsprobleme haben wir eigentlich hier nicht. Der christliche Glaube ist stark und lebensfroh und soviel Anziehendes am Islam, das uns eine Religion der Liebe, des Verzeihens, der Heilung und Menschwerdung vergessen lassen könnte, haben wir eigentlich noch nicht entdeckt. Von der Polygamie weiß man auch schon lange, dass sie die schwierigste aller ehelichen Lebensformen ist, und man sie nicht begehren sollte, wenn man in Frieden leben will.
Gefallen hat mir, was der französische Bischof Rey sagte, als er von erst neulich von einer Reise nach Syrien zurückkam: "Angesichts der Angst vor der Islamisation Europas stelle ich oft einen Mangel an christlicher Identität fest. Wir dürfen keine Angst haben von unsere christlichen Überzeugungen auch gegenüber Moslems zu reden."
Ich kann mir vorstellen, dass in Ländern, wo die Menschen eher keinen Glauben haben, die Änste vor moslemischen Flüchtlingen und dem Islam größer sind. Was hat die Entzauberung des Atheismus mit seiner Gleichtgültigkeit gegenüber allem Höheren denn dieser kraftvollem, leidenschaftlichen aber auch disziplinieren, gemeinschaftsbildenden Religion entgegenzusetzen? Vielleicht hat man doch vergessen, dass der Mensch für Gott geschaffen ist. "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, mein Gott." - Das war bezeichnender Weise auch kein Europäer, der das gesagt hat, sondern ein Afrikaner berberischer Abstammung namens Augustinus. Noch heute wird man in Togo nicht müde Pfarreien den Namen "St. Augustinus" zu geben. Vielleicht auch weil man gut sein Denken und Suchen, seine Leidenschaft versteht.
Wie gesagt, für uns hier in Togo braucht man keine Angst zu haben. Erstens werden so schnell keine Flüchtlinge hierher kommen. Und zweitens haben wir unseren Glauben. Aber, ich denke wir werden auch beten für unsere armen Europäischen Freunde, die jetzt so viele nicht einfach zu lösende Probleme am Hals haben. Möge Gott ihnen helfen.