Die Sache mit den Armen

06.01.2014 09:30

Zweimal im Jahr findet die sogenannte „W eiterbildung für junge Priester“ statt. Da ich mich jung fühle ging ich wieder mal hin. Nebenbei galt es auch noch mal meinen Pick-up zu reparieren. Nach 6 Monaten Regenzeit mit Schlamm und tiefen Löchern zwischen Kara und Solla klapperte fast alles an dem 6jährigen Auto. Der Pick-up war wieder vollgeladen, zwei Studenten, die zu Beginn des Studienjahres fast alles Geld für die Einschreibung in die Uni ausgegeben hatten, sich das Fahrgeld nach Kara sparen wollen, eine Kranke, die dringend einen Spezialisten im Regionalkrankenhaus aufsuchen musste, zwei arme Katechisten, die für 4 Wochen zur Ausbildung müssen. Auf der Ladefläche häuften sich Koffer und Säcke mit Yams oder Holzkohle, alles, was man braucht um in Kara zu überleben.

Bei der Priesterweiterbildung sollte es um ein wirklich interessantes Thema gehen: Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Zuerst dachte ich: Da weiß ich doch schon alles. Ich irrte mich. Ich wusste z. B. nicht, wie offen neuerdings über Armut und Reichtum gesprochen wird. „Du bist verpflichtet zu geben, wenn du hast und wenn der andere in schwerer Not ist. Das ist Lehre der Katholischen Kirche“ „Was du an Überfluss hast, gehört den Armen.“ Letzteres ist ein Ausspruch von Johannes Chrysostomos, zitiert von Marius Pana, einem Pfarrer aus Kara, der von der Vorbereitungskommission gebeten worden war, einige erleuchtende Worte zum Thema Nächstenliebe zu sagen. Ein Satz, der in den römischen Katechismus eingegangen ist. Was ist eigentlich Armut? Marius erzählte eine Geschichte. Jeder weiß, dass er als Exorzist der Diözese ein vielgefragter Mann ist. Neben den vielen Gesprächen und individuellen Segnungen, bereitet er auch noch Besinnungstage vor, und dann hat er ja auch noch eine neu gegründete Pfarrei zu leiten und aufzubauen. Eines Abends kam er ins Pfarrhaus, und freute sich, dass keiner vor der Tür lauerte. Schnell schlüpfte er in sein Zimmer, denn er wollte für den nächsten Tag noch einen Vortrag vorbereiten für morgen. Und schon klopfte es an seiner Tür. Ein alter Mann stand draußen: „Ich habe Sie gesehen und bin Ihnen mit dem Motorradtaxi gefolgt.“ Dann zeigte er eine dringende Arztrechnung für 75 €, die er nicht bezahlen kann. Père Marius sagte uns nicht, was er mit dem Mann gemacht hat, ob er alles gegeben hat, was er in seiner Bargeldkasse fand, auch das Geld für das Guinness, was er sich ab und zu mal gönnt. Er meint jedenfalls: Du darfst einen Hilfsbedürftigen niemals wegschicken. Unterbrich ihn nicht, wenn er redet. Und wenn du hast, gib. Aber ich weiß auch, dass ich nicht immer ohne Sünde bin.

Ich denke sofort an die Besuche, die ich Sonntagabend so gegen 20.00 Uhr nach 3 gefeierten Messen und 2 Stunden Taufkatechese erhalte von Schülern, die kein Schulgeld bezahlen können oder Studenten. Hatten wir nicht seit Juni allen Gelegenheit gegeben, mit Feldarbeit ihr Studium zu verdienen? Soll jetzt noch die Faulheit unterstützt werden? Es ist nicht immer leicht barmherzig zu sein.

Ja es gibt auch Betrüger. Andere machen sich von Hilfe abhängig und haben verlernt, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Müssen wir alles überprüfen? Der Herr wird uns verzeihen, wenn wir uns betrügen ließen. „Sag niemals, du hast nichts zu geben: Ein Wort, ein Gebet, einen Schrifttext.“ Sträflich wäre es ja auch rein zu materialistisch zu denken und angesichts der Armut das Geistliche und Menschliche abzuwerten.

Es gibt auch arme Priester, solche, die in reichen Stadtpfarreien leben und solche auf dem Lande, wo sonntags nur 10 € in der Kollekte sind. Unter uns können wir teilen üben.

Und es gibt auch eine Nächstenliebe gegenüber der eigenen Familie. Überall Arme. Von Armut wird nun gesprochen, und vom Reichtum. Einer warf das Wort ein von der „Scham reich zu sein, angesichts der Misere“. Ein anderer sprach vom Geiz. Neulich wurde ein Zeitungsartikel aus Kamerun ausgelegt, in dem von Protesten gegen reiche Priester und Bischöfe gesprochen wird. Reiche Minister oder gar Staatschefs werden selten angegriffen. Aber die Kirche scheint mit anderen Maßstäben gemessen zu werden.

War es nicht Papst Franziskus, der gesagt hat: „Ich will jeden Tag ein wenig ärmer werden.“ Interessant, all diese Diskussionen über den Lebensstil und die caritativen Aufgaben der Kirche, die jetzt aufkommen. Schon beim Pastoraltag im September gab es dieses Thema. Papst Franziskus scheint allgegenwärtig. Ein neuer Geist zieht ein. Jeder spürt die Herausforderung. Und man spricht nun offen von Sünden. So wie der Papst selber gesagt hat: „Ich bin ein Sünder. – das ist keine Redensart, um mich interessant zu machen. Das ist die Wahrheit.“